Sound & Media 7/03
Immer billiger!



DER POP PATE

Kein Tag vergeht, dass nicht wieder ein Inserat oder eine Radio/TV Werbung dafür wirbt, dass alteingesessene Produkte oder Dienstleistungen plötzlich um ein Vielfaches billiger geworden sind. Eine Bahnreise nach Berlin um 29,- €, ein Tagesautomiete um 1,- €. Ganz zu schweigen von den Billigflügen rund um den Erdball, an die hat man sich eigentlich schon gewöhnt. Und jetzt kommt auch noch die CD in diesen zweifelhaften Genuss. Denn der größte Major will den Endverbraucherpreis in den USA ab 1.Oktober diesen Jahres auf 12 € pro CD senken. Als Betriebswirt muss ich mir die Frage stellen, wie geht das eigentlich. Es können doch nicht alle Kosten ins Bodenlose gesunken sein – plötzlich. Irgendwo muss dieser Kostensenkungshebel doch angesetzt worden sein. Bei Flügen, Bahnreisen und Automieten verstehe ich es noch einigermaßen. Da wird Personal, Werbung und Vertrieb gespart. Das Internet übernimmt das komplett. Man bucht Online, man erhält sein Ticket Online, man bezahlt Online, nur reisen muss man wirklich selber. Personalkosten sind die intensivsten Kosten in jeder Kalkulation, also weg damit. Die Werbung ist eh zu teuer und hat meist zu viele Streuverluste, also weg damit. Beim Vertrieb verdienen andere und nicht die Firma selber, also weg damit. Bei der CD muss sich das also genauso verhalten, denke ich. Aber welch Personalkosten streiche ich dann? Den Künstler als Ganzes wohl kaum. Außer halt, dass sich Labels halt nur mehr Einzelkünstler nehmen und keine Bands. Ist eh besser, keine Streitereien, weniger Hotelkosten, weniger Stress, weil immer einer zu spät kommt oder grad unpässlich ist, also weg mit den Bands. Wo gibt es noch teure Personalkosten. In der Plattenfirma selber gibt es genug Möglichkeiten zu sparen. Wer muss blieben: der Chef, das Controlling, ein bis zwei Marketing, ein bis zwei Promos, einige billige Assis. Was eh schon immer weniger wird ist der Vertrieb. Die paar Handelsketten, die es noch gibt, kann man auch übers Internet informieren, was grad veröffentlicht wird. Wirklich bringen tut das aber nix, denn eigentlich wird das eh schon gemacht. In der Werbung wird halt nur mehr über Massenmedien geworben, keine „Goodwill“ Inserate in Fanzines oder Jugendmagazinen, weg damit. Und wie kann ich im Vertrieb sparen? Genau hier hackt doch mein sehr geschätzter Kollege aus der FM4 Redaktion Martin Blumenau ein, der in einem Artikel im Soundpark schreibt: „Denn beim Zwischenhändler, den CD-Verkaufsstellen, bleibt traditionell viel Geld liegen, mehr als bei den Direkt-Bestell-Services.“ Das was Bennetton, Handl Speck oder Pischinger uns vorzeigt, könnte also auch demnächst in der Musikbranche der Fall sein: die Flagstores. Also weg mit dem ungeliebten Handel und her mit den Aushängeschildern in den wichtigsten Einkaufsstraßen. Einen großen Nachteil hat dieses Model leider: dass „Kreislersterben“ der Indielabels. Diese Labels leben davon ihre kreativen Künstler nicht nur über Onlineshops, sondern auch über die üblichen Handelsstrukturen zu vermarkten und können es sich sicher nicht leisten, Flagstores zu bauen. Ihr wichtiger kreativer Input würde aber der Szene fehlen, denn nur zu oft haben gerade diese Indies Musikströmungen geprägt, die dann zu viel Geld bei den Majors geführt haben. Also NICHT weg mit den Indies!

Mario Rossori ist Musikmanager